Sind wir alle ein bisschen Google?

Die digitalen Geisteswissenschaften haben hierzulande den Einzug in die Tagespresse geschafft – das ist toll. Nein wirklich, ich habe mich sehr gefreut, als ich von einem Freund darauf hingewiesen wurde, dass in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Artikel zum Thema Digital Humanities veröffentlicht wurde; und das nicht nur des plötzlich aufkeimenden irrationalen Stolzes wegen, der mich erfüllte als meine Kollegin darin erwähnt wurde. Es ist ein guter Artikel, der allgemein verständlich darlegt, was wir hier so machen. Dass mal wieder ein Fokus auf der Computerlinguistik liegt, kann man kaum verdenken, da das doch auch innerhalb der Community ein ständig wiederkehrendes „Problem“ ist.

Digital Humanities have made their way into a popular German newspaper – that’s great. I was really happy when I heard from a friend that the newspaper „Die Zeit“ has recently published an article on DH, and that is not only because I became a little proud, when I saw that my dear colleague was quoted. It is a good article that shows what Digital Humanities is about in a way that is very well understandable for people never having heard about this topic before. But, I must admid that I have troubles with a statement in that article saying that Digital Humanities are also called „Culturomics“.

Nein, gestolpert bin ich eher über die Formulierung, unser Forschungsfeld würde auch als „Culturomics“ bezeichnet. Ich bin gewiss noch ein Neuling in den Digital Humanities, aber dennoch ist mir weder auf der erst kurz zurück liegenden DH Konferenz in Lausanne noch auf der im Frühjahr stattfindenden DHd Konferenz in Passsau aufgefallen, dass Kollegen sich als „Culturomic“ bezeichnen. Ja, um genau zu sein, war mir der Begriff zuvor erst einmal untergekommen. Und zwar nur wenige Tage zuvor im Humboldt Kosmos, dem Magazin der Humboldt Stiftung. So wusste ich dann auch, dass wohl einzig und allein innerhalb des Projektes von Erez Aiden und Jean-Baptiste Michel, den Entwickler des Google Ngram Viewers, der Begriff verwendet wird.

Nun möchte ich gewiss nicht aus einer Mücke einen Elefanten machen und den wirklich guten Artikel aufgrund einer Kleinigkeit verschmähen. Eigentlich fände ich es sogar gut, wenn die Digital Humanities sich ein Stück weiter in Richtung „Culturomics“ (nähme man den Begriff einmal ohne jeden Kontext als eine Bezeichnung für kulturwissenschaftliche DH Forschung) bewegen würden, denn für meinen Geschmack gibt es noch zu wenig allgemeine Kulturwissenschaften in den DH. Auch möchte ich ganz deutlich sagen: Ehre, wem Ehre gebührt – das Google Ngram Tool ist ein schönes Tool, um mit wenig Aufwand allgemein verständlich zu zeigen, warum DH so einen Spaß macht. Trotzdem ließ mich das Thema nicht los und das hat natürlich einen Grund und der heißt Google. Auch hier muss ich erst einmal meinen Hut ziehen, denn Google tut viel für die Digital Humanities; auch hierzulande und auch bei unabhängig arbeitenden Forschungsprojekten, die der Konzern großzügig unterstützt.

Bei all diesen positiven Aspekten also – warum stört es mich so, wenn behauptet wird, man würde die DH auch als „Culturomics“ bezeichnen? Ganz einfach, weil in meinen Augen DH mehr ist als Zuarbeiten für Google. Ja, Google ist ein großer Sponsor, aber es gibt auch viele andere. Ja, der Google Ngram Viewer ist ein Tool, mit dem man toll herumspielen kann, aber da gibt es noch ganz andere, man denke nur an die Fülle solcher Tools, die das Voyant Team laufend hervorbringt. Und nur nebenbei und weil der Wortwitz zu schön ist, um ihn auszulassen – keiner käme auf die Idee, DH auch als „Voyeurismus“ zu bezeichnen…

Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke, scheint mir der flapsige Wortwitz doch etwas mehr zu sein, denn einmal kurz darüber nachgedacht, was man so mit Google verbinden kann, kommt einem der Weg von einem zum anderen gar nicht mehr so weit vor. Doch Voyant heißt nun ja nicht mehr Voyeur und es gehört auch nicht zu Google. Ich denke, was mich bei dem Ganzen so berührt hat, ist, dass hier unterschwellig der Ruf einer innerhalb der Geisteswissenschaften eh noch nicht gerade überragend angesehenen Community einmal mehr geschwächt zu werden droht. Hier wird impliziert, dass die gesamte Community sich leichtfertig mit einem Begriff identifiziert, der in einem einzigen Projekt verwendet wurde, ein Projekt dass ausgerechnet zu einem der größten weltweit agierenden amerikanischen Konzerne gehört. Das ist nicht der Fall. Und das musste ich an dieser Stelle einfach klarstellen, für mein Seelenheil als Digital Humanist.

Natürlich bin ich auch gespannt, was du darüber denkst – bin ich vielleicht einfach zu empfindlich, was dieses Thema betrifft?

I am well aware that I am still a newbie in the field of Digital Humanities having worked in the field for not much longer than two years by now. But neither on the DH Conference in Juli in Lausanne nor on the German DHd Conference this spring in Passau have I heard anybody speaking about DH as „Culturomics“. To be honest, I had but once heard that term before and that was just a few days earlier in a science magazine from the Humboldt Foundation. That was why I knew that probably the only project identifying with the term „Culturomics“ was the one lead by Erez Aiden and Jean-Baptiste Michel, which is the one that developed the Google Ngram Viewer.

I do certainly not what to turn a mole hill into a mountain. I would even appreciate if there where more projects thinking into the direction of cultural development as the term „Culturomics“ might imply when detached from all contextual meaning. I definitely not want to deny that the Google Ngram Viewer is a very nice tool to play around with and even to show non DH-people how much fun it can bring to look at quantitative textual data. Nevertheless, I cannot deny that the notion of „Culturomics“ as synonym to DH has touched me in a quite unpleasant way. I guess, the reason why is named Google. And again I first have to admid that Google indeed does a lot for the DH – in Germany as well as , I guess, in many other countries.

So why then worry about this slight incorrectness in an overall nicely written article? Well, I guess I want people to think about DH as something more than just helping Google to get more and more power through knowledge about cultural development. Yes, Google is quite a big sponsor, but there are also a lot of others. Yes, the Ngram Viewer is a nice and easy to use tool but just think about how many of those are frequently produced by the team of the Voyant project. And nobody seems to have thought about calling the Digital Humanities „Voyeurism“.

Ok, lets forget about that bad linguistic joke and give the idea a little thought that that term might not be far away from what some people might think about Google. But Voyant is not called Voyeur anymore and, anyway, it is not a Google project. I think what keeps my thoughts spinning around this topic is, that the DH community has not the best of reputations inside the humanistic scientific community – at least in Germany. I just not want it to get even worse by people thinking that Digital Humanists naively identify themselves with one of the biggest world concerns. This is not the case. We are not all adherents of Google. I just had to get this right in order to stay at peace with my self-conception as Digital Humanist.

But I am also curious what you might think about this – am I just to easily touched by all of this?

Kommentar verfassen