Nur ein witziger Zufall oder ein Fingerzeig auf unsere westliche Gesellschaft?

Jeder weiß, dass es nicht wirklich einen Zusammenhang zwischen steigender Anzahl von Störchen und Geburten gibt. Trotzdem beruht dieses Ammenmärchen angeblich auf einer schlecht interpretierten Statistik, die genau so eine positive Korrelation zeigt. Um es kurz zu machen: Ich stolperte gerade über eine Visualisierung, die mich sehr stark an meine eigene erinnerte. Sie zeigt alle Beziehungen zwischen Facebook-Freunden, während meine Ortsnennungen in Romanen aus Hamburg abbildet (und nebenbei bemerkt der neue Header dieses Blogs ist). Nun frage ich mich, ob diese Ähnlichkeit schierer Zufall – eine Storch bringt Baby Geschichte – ist, oder uns einen Himweis über unsere Kultur gibt.

Zentrum, Periherie und nicht genannte Orte

Um die Vorarbeit kurz zusammenzufassen, die in meiner Visualisierung steckt, ist zu sagen, dass ich zunächst mit Hilfe des Stanford Named Entity Recognizer (eine Anleitung für die Nutzung findet sich hier) Ortsnamen in 11 Romanen, die in Hamburg spielen, markiert habe. Anschließend habe ich CATMA verwendet, um eine Keyword in Context Tabelle zu erstellen. Schließlich habe ich die Ortsnamen in den Dariah Geobrowser übertragen. (Für den Fall dass du ähnliche Experimente machen möchtest, werde ich für alle verwendeten Tools auf diesem Blog Anleitungen für die Arbeitsschritte schreiben, die ich angewendet habe.) Was also im Endeffekt auf der Kartenvisualisierung zu sehen ist, sind ca. 70% der konkret benannten Orte in 11 Romanen, die zumindest teilweise in Hamburg spielen (die geringe Prozentzahl kommt dadaurch zu stande, dass Named Entity Recognistion für die deutsche Sprache noch nicht sehr präzise ist):
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Kein Wunder natürlich, dass Hamburg hier ganz klar das Zentrum bildet, denn das ist schließlich der Hauptschauplatz der Romane. Interessanter wird es, wenn man einen genaueren Blick auf die Umgebung wirft. Innerhalb Deutschlands z.B. ist der Westen viel präsenter als der Osten, und das obwohl nur einer der Romane tatsächlich während der Teilung Deutschlands spielt. Schaut man sich an, welche anderen europäischen Länder am häufigsten genannt werden, so sind England, die skandinavischen Länder, Holland, Frankreich oder Italien z.B. besonders präsent – auch das ist nicht sonderlich überraschend, handelt es sich doch entweder um besonders nahe liegende Länder oder solche, mit denen Deutschland eine gemeinsame Geschichte verbindet. Aber gerade unter letzerem Gesichtspunkt verwundert es doch, dass viele osteuropäische Länder relativ selten benannt werden, wie z.B. Polen oder Tschechien. Interessant ist, dass Israel / Palästina bzw. vor allem Jerusalem eine kleine Hochburg der Erwähnungen im nahen Osten bildet. Die unterschiedlichen Farben zeigen, dass es nicht nur daran liegt, dass ein Roman die Region häufig erwähnt, sondern es scheint eine Art literarische Häufung zu geben, da viele Romane den Ort erwähnen. Dies deutet wohl zumindest teilweise auf christilich-religiöse Motivik und Metaphorik hin, die in der Literatur nach wie vor recht präsent ist. Insgesamt hat es mich überrascht, dass so deutlich wird, dass der Westen häufiger Erwähnug findet als die östlichen Länder. Es sieht geradezu so aus als überzöge eine dickes Band, ausgehend von Deutschland die Welt gen Westen. Auf diese Weise wird auch Amerika erreicht, allerdings wird hier der (näher liegende) Osten häufiger erwähnt als der Westen.

Ergänzend zu dieser Beobachtung von rein quanatitativen Phänomenen, zeigt der Blick zurück in die Texte, dass Orte vor allem im fernen Osten öfter als Metaphern für Ferne oder Fremdheit eingesetzt werden als Orte im Westen. Diese sind hingegen öfter mit tatsächlicher Figurenbewegung innerhalb der Diegese verknüpft.

Schließlich fand ich noch interessant, welche Orte extrem peripher erscheinen oder sogar gar nicht erwähnt werden. Australien wird nur ein einziges Mal erwähnt, Neu Seeland gar nicht; und das obwohl beide sich zuindest metaphorisch als „anderes Ende der Welt“ anbieten würden. Kanada wird auch nur ein einziges Mal im kompletten Korpus erwähnt. Südamerika ist weit weniger präsent als Nordamerika und viele Bereiche Zentralafrikas bilden ein literarisch unausgefülltes schwarzes Loch. Ich habe für dieses Phänomen der peripheren Orte keine andere Erklärung als dass die kulturelle Verbindung schwächer sein muss als bei den häufig erwähnten.

Visualisierte Freundschaft

Nachdem ich diese Karte erstellt hatte, stolperte ich zufällig über die bereits erwähnte Facebook Viualisierung:

Facebook Friends

Zuerst war ich nur etwas überrascht, dass mich diese Karte irgendwie an meine eigene Visualisierung erinnerte. Dann vergaß ich sogar ein wenig, warum ich über die Karte gestolpert war und begann, mich dafür zu interessieren, wie sie dokumentiert wurde. Der Mitarbeiter Facebooks, der sie erstellt hat, interpretierte sie so, dass sie vor allem ein ziemlich genaues Bild der bevölkerten Welt zeige. Da ich aber am Ende doch nicht aufhören konnte, darüber nachzudenken, sah ich mir die Karte selbst einmal genauer an. So begann in mir der Eindruck zu wachsen, dass sie eher so etwas wie den Einfluss der westlichen Kultur auf die Welt abbildet.

Wieder sah ich mir zuerst Deutschland genauer an. Hier sieht es auf den ersten Blick sehr weiß aus aufgrund der vielen internen Vernetzungen. Doch der genauere Blick zeigt wieder, dass der Osten etwas weniger weiß ist als der Westen. Wieder ist England, die Küstengebiete Skandinaviens, Holland, Frankreich und Italien anscheinend besser vernetzt als Spanien oder die osteuropäischen Länder.

Was mich verblüfft hat, ist dass Jerusalem ein ähnliches Highlight bildet wie in meiner eigenen Visualisierung. Dass Russland z.B. ausgespart ist, verwundert dagegen kaum, da es hier eine lokale Alternative zu Facebook gibt. Dagegen ist es schon weniger erklärlich, dass ähnliche Teile Südamerikas eine geringere Dichte zeigen wie auf meiner Karte. Sogar Kanada ist weniger weiß und damit weniger von Facebook überzogen, genauso wie es in hamburger Romanen weniger selten Erwähnung findet als die USA.

Alles Zufall?

Ich bin natürlich nach wie vor unsicher, ob es sich nicht doch um ein Storch-bringt-Kinder Märchen handelt. Trotzdem konnte ich mich nicht dagegen wehren, darüber nachzudenken, ob es Erklärungen für diesen Zufall gäbe. Am Ende fand ich zwei, die mir zumindest plausibel erschienen:

1. Schreiben über die eigene Lebenswelt

Vielleicht sind entgegen aller Annahmen Schriftsteller doch nicht die Soziopathen für die wir sie gerne halten. Vielleicht schreiben sie tatsächlich über eigene Erfahrungswelten, über Dinge, die sie kennen und lieben, über Freundschaften. Dann könnte Vernetzung sehr wohl etwas sein, was sich nicht nur in sozialen Medien, sondern auch in Literatur niederschlägt.

2. Das Medium ist vielleicht doch nicht die Message

Am Ende führte ich mir vor Augen, dass Facebook als soziales Medium eben letztendlich nicht mehr als das ist – ein Medium. Als solches ist es vielleicht nicht so weit von klassischen Medien wie Büchern entfernt. Zumindest sind beide Teil eines kulturellen Systems. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir uns gern mit Leuten vernetzen, die in Ländern leben, von denen wir auch gerne lesen oder anders herum betrachtet, besuchen wir und vernetzen uns mit Orten von denen wir bereits gelesen haben. Vielleicht ist also das Medium doch nicht Teil der Message, wie McLuhan in den 60er Jahren glaubte. Vielleicht ist ein Medium nur ein Medium und die Messages bleiben oder zumindest die kulturellen Bedürfnisse, die dahinter stehen. Das wäre auch eine beruhigende Interpretation für all diejenigen, die glauben, dass moderne Medien die klassischen Traditionen, wie das Schreiben (und Lesen) von Büchern, verdrängen werden.
Medien mögen sich ändern, aber die Inhalte wohlmöglich gar ncht so sehr.

Wie schon gesagt, sind dies alles vage Ideen und eine Interpretation, die vielleicht mehr Spaß als Sinn macht. Darum freue ich mich jetzt auf eure Kommentare zu dem Thema!

 

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