Lektüre: Franco Morettis „Distant Reading“ von Nahem

Verso 978 1 78168 084 1 Distant Reading (CMYK-300dpi)Wenn es einen Nobelpreis für Literaturwissenschaftler gäbe, so hätte Franco Moretti ihn schon allein dafür verdient, den Begriff des „Distant Reading“ eingeführt zu haben. Doch obwohl dies der innovativste methodische Ansatz ist, den die Literaturwissenschaft im Moment vorzuweisen hat, zeigt Moretti auch, dass hier gerade die ersten Gehversuche in einem Feld gemacht werden, das noch nicht klar konturiert ist und dessen wissenschaftliche Parameter noch auf dem Prüfstand stehen. In seinem neuen Buch „Distant Reading“ hat er all die Aufsätze zusammengestellt, die zur Prägung des Begriffes führten und die genau diese ersten Gehversuche dokumentieren. Damit gelingt es ihm gleichzeitig, seine Leser zu begeistern und zum kritischen Überprüfen der Methode anzuregen.

„Es wird nichts nützen, immer mehr zu lesen“

Laut der Einleitung, die Moretti als editorische Notiz seinem Aufsatz „Conjectures on World Literature“ vorangestellt hat,  hatte er mit diesem Satz zunächst nur eine provokative Überspitzung im Sinn. Heute ist er einer der Grundpfeiler des „Distant Reading“-Ansatzes. Unabhängig davon, wie viel wir lesen, die Masse des Ungelesenen wird immer größer bleiben. Unabhängig davon, wie genau wir einzelne Texte kennen, sie werden uns niemals einen Überblick über kulturelle Vorgänge verschaffen. Als Komparatist mahnt Moretti zu Recht dazu, das Gesamtbild mehr ins Blickfeld zu rücken. So drehen sich die meisten seiner Aufsätze darum, den Begriff der Weltliteratur wieder zu seinem Wortsinn zurückzuführen, statt nur an dem haften zu bleiben, was wir selbst für „weltklasse“ Literatur halten.

Dabei lässt Moretti sich schon manchmal von den eigenen Idealen etwas zu sehr leiten. Wenn er z.B. in seinem Aufsatz „The Slaughterhouse of Literature“ darüber raisonniert, dass nicht die Wissenschaft sondern der Leser darüber entscheide, welche Literatur überdauert, so räumt er letzterem wohl eine etwas zu große Rolle und der Macht des Marktes eine zu kleine ein. Wenn er von der großen Masse der ungelesenen und doch so wichtigen Bücher spricht, so fehlt mir persönlich das Eingeständnis, dass auch das Vergessen eine bedeutende Kulturtechnik ist (wie Niklas Luhmann gezeigt hat). Außerdem neigt Moretti in vielen der hier zusammengefassten Arbeiten dazu, seinen eigenen eurozentrischen Blick zu wenig hinterfragend darzustellen.

Das wird vor allem dann deutlich, wenn er in „Planet Hollywood“ aufzuzeigen versucht, welchen Einfluss die amerikanische Filmindustrie „weltweit“ hat, ohne Daten über die mindestens ebenso große und einflussreiche indische Filmproduktion zu erheben. So reduziert sich der titelgebende „Planet“ fast ausschließlich auf Europa.

Ein Schritt in Richtung „exakte Wissenschaft“ – die Reliabilität

Doch wirklich charmant an Morettis Ansatz ist die genuin wissenschaftliche Taktik der Offenlegung der eigenen Herangehensweise, die eine instantane Reliabilitätsprüfung ermöglicht. Seine Datensätze zeigt er in Visualisierungen, die seinen Lesern erlauben, innerhalb von kurzer Zeit zu überblicken, mit welchen Parametern Moretti vorgegangen ist. Darüber hinaus fordert diese Vorgehensweise auch die Nachnutzung von Morettis Ergebnissen geradezu heraus. Bleiben wir noch kurz bei dem Beispiel der Hollywood-Filme. Hier ist in einer Kartenvisualisierung die Verteilung von Morettis Daten aufgezeigt. Der Leser sieht sofort, welche Datensätze fehlen und könnte hier mit eigener Forschung ansetzen. So ist es plötzlich naheliegend, mit einer ähnlichen Kritik wie der meinen, selbst Daten zu ergänzen. Auf diese Weise könnten irgendwann auch die indische, die asiatische oder die afrikanische Filmproduktion zum Vergleich herangezogen werden.

Die Schwierigkeiten der digitalen Contentanalyse

In „The Slaughterhouse of Literature“ wird nicht nur das Problem fehlender Datensätze offenbar, sondern es klingt auch eine Problematik an, die die gesamte contentbezogene digitale Literaturwissenschaft betrifft. Moretti untersucht hier den Zusammenhang zwischen der Verwendung von Hinweisen und der Überdauerung in der Literaturgeschichte bei Conan Doyles und anderen Detektivromanen. Bestandteile des Corpus sind alle Sherlock Holmes Geschichten und ähnliche heute vergessene Kriminalromane. Anhand eines hierarchischen entweder-oder Modells betrachtet Moretti zunächst das Vorhandensein, die Notwendigkeit, die Sichtbarkeit und die Dekodierbarkeit von Hinweisen in den Romanen. Es zeigt sich, dass auf der höchsten Ebene nur noch Romane von Arthur Conan Doyle übrig sind. Die Dekodierbarkeit von Hinweisen scheint also im wahrsten Sinne des Wortes der „Clue“ von Sherlock Holmes zu sein.

Eine exakte Wissenschaft ohne operationalisierbare Variablen?

Aber wie standhaft ist eigentlich die Kategorie der Dekodierbarkeit selbst? Moretti versäumt es leider, diese Frage im Rahmen einer Definition oder genaueren Beschreibung seiner Vorgehensweise beantwortbar zu machen. Ein zweiter Kritikpunkt ist in einer der zahlreichen Reaktionen enthalten, die Moretti auf seine Ideen bekommen hat und auf die er in „Distant Reading“ mal mehr mal weniger ausführlich eingeht. Der grundsätzliche Zweifel besteht an den Hinweisen als alleinigem Auslöser für die Durchsetzungskraft der Holmes-Geschichten. Leider hängt sich Moretti zu sehr an dem Beispiel, es könne sich doch auch um das Attribut des Gentleman-Detektives handeln, auf (welches nun wirklich keine gute Alternative ist). So versäumt er es, die grundsätzlichen Lücken der Herangehensweise zu schließen. Denn ob es sich nun um Einzelkategorien handelt oder um die Parameter der Untersuchung, es sollte doch validiert sein, warum gerade diese inhaltlichen Kriterien ausschlaggebend sein sollten und wie man diese aus dem Text extrahiert hat.

Ein Blick hinüber zu verwandten Wissenschaften

Spätestens an dieser Stelle ruft mein innerer klassischer Literaturwissenschaftler aus, dass jede argumentativ gestützte Interpretation eine gute sei und man nie endgültige Einigkeit und Validierbarkeit erreichen kann. Ein Text ist schließlich so komplex, dass nie ganz sauber zwischen einzelnen Einflüssen getrennt werden kann. Ja und nein, denn hier lohnt wohl ein Blick in Richtung der mir so nah verwandt erscheinenden Disziplin der Psychologie, die schon lange Methoden der exakten Wissenschaften und der Geisteswissenschaften verbindet. Auch hier gelingt es, Variablen so weit zu extrahieren, dass sie zumindest die Möglichkeit der Operationalisierung bieten und so logische Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen aufzeigen können. Was die Literaturwissenschaft noch von der Psychologie lernen kann, ist die Einführung überindividueller Experimente (die auch in der Literaturwissenschaft zwar bereits durchgeführt werden, aber noch relativ selten sind).

In Morettis Beispiel könnte so ganz konkret festgehalten werden, dass die Dekodierbarkeit zu 90% übereinstimmend zu den Ausprägungen ja und nein zugeordnet werden. Da kein psychologisches Experiment ohne statistische Überprüfung auskommt, könnten auch in der digitalen Literaturwissenschaft solche Verfahren weitere Hinweise auf die Validität der Interpretation als entweder dekodierbar oder nicht dekodierbar, geben. Allerdings bin ich auch überzeugt davon, dass der von Moretti und anderen eingeschlagene Weg der Digital Humanities früher oder später von selbst in diese Richtung führen wird.

Eine gute Lektüre für solche, die bereits mögen, was „Distant Reading“ bedeutet

Wie ihr also an dieser Schein-Rezension, die zum Kommentar verkommen ist, unschwer ablesen könnt, schafft Morettis Buch „Distant Reading“ vor allem eines – es regt zum Selberdenken an. Gerade die Angreifbarkeit seiner ersten Versuche, die vergleichende Literaturwissenschaft mit quantitativen Methoden zu stärken, führt dazu, dass man als Leser selbst einhaken möchte. Mehr noch, man möchte selbst ausprobieren, was Moretti vorführt, um dann von dort aus eine eigene Richtung finden zu können.

Darum empfehle ich diese Lektüre vor allem denjenigen, die bereits ein Faible für Digital Humanities haben und sich nicht von der ein oder anderen Unausgegorenheit aufhalten lassen. Wer keine Schwäche für derartige Ansätze hat, wird allerdings seine Zweifel eher bestätigt als ausgeräumt finden. Diese letztere Gruppe sollte noch ein paar Jahre warten bevor sie sich mit noch überzeugenderen Beispielen für „Distant Reading“ beschäftigen kann.

Moretti, Franco: Distant Reading. Verso Books 2013. ISBN: 9781781680841. 21,70€.

4 Gedanken zu „Lektüre: Franco Morettis „Distant Reading“ von Nahem

  1. Liebe Mareike,

    vielen Dank für die Erinnerung an Moretti. Ich habe vor einiger Zeit nur „Conjectures on World Literature“ gelesen, allerdings mehrfach von vorn und hinten, links und rechts. Als Komparatistin war ich mir am Ende dann allerdings noch immer etwas unklar darüber, wie ich seinen Ansatz finden soll (und dann musste ich mich leider anderen Themen zuwenden). Ich glaube, ich werde mich doch nochmal darauf einlassen.

  2. Pingback: Gregory Smith

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