Weil wir es können – Ideen zu Matthew L. Jockers‘ „Macroanalysis“

20140501-193251.jpgVor kurzem fragte ein Digital Humanist über den Humanists Listserver, welche zwei Bücher man empfehlen könne, um einen Überblick über das zu geben, was die digitalen Geisteswissenschaften in der Analyse von Literatur leisten können. Ein Kollege empfahl „Macroanalysis“ von Matthew L. Jockers, ein Buch, das auch schon seit ein paar Tagen auf meinem Couchtisch bereit lag. Nun, da ich es durchgelesen habe, bin ich gleichzeitig angetan und enttäuscht. Jockers entfacht zwar ein ganzes Feuerwerk von Methoden, antwortet aber nur selten auf die Frage, was wir am Ende eigentlich wissen, wenn wir fleißig möglichst große Ergebniskonvolute gesammelt und ausgewertet haben.

Wenn Methodik noch nicht selbstverständlich ist

Jockers ist es wichtig, seine Leser wissen zu lassen, dass er die qualitative Analyse von Literatur nicht hinter der quantitativen verschwinden sehen möchte. Das ist prima, denn damit versucht er von Beginn an, Skeptikern der Digital Humanities, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Andererseits gibt er seinen Lesern damit mehrmals den Hinweis, darauf zu achten, dass von der digitalen Textarbeit ein Weg zurück zum Ausgangspunkt der Analyse – zur Literatur – gemacht wird. Ein Anspruch, dem das vorliegende Buch selbst in meinen Augen zu wenig gerecht wird.

Was Jockers aber sehr gut aufzeigt, ist die methodische Herangehensweise von digitalen Geisteswissenschaftlern an Literatur. Man nehme ein möglichst großes Textkorpus und unterziehe es verschiedenen Experimenten. Zum Beispiel einer Metadatenanalyse, einer Bestimmung stilistischer Nähe mittels R oder dem Textmining. Namen relevanter Programme und Tools liefert Jockers gleich mit, sodass der angehende Digital Humanist – so weit dies über ein Buch möglich ist – an die Hand genommen und dorthin geführt wird, wo er hin möchte.

Das ist wirklich informativ und gleichzeitig etwas mühsam, vor allem wenn man die Methodik bereits kennt und eher darauf gespannt ist, was man damit anfangen kann. So wünscht man sich zeitweilig, ein Stück in die Zukunft reisen zu können, an einen Zeitpunkt, an dem eine kurze Notiz zur Methodik ausreicht und man dann wieder zurück ans Eingemachte gelangen kann. Denn so virtuos Jockers seine Tools auch beherrscht, das Herz eines jeden Literaturwissenschaftlers möchte doch vor allem eines: Ergebnisse sehen.

Mikroergebnisse mit Makromethoden

Zwar zeigt Jockers natürlich in „Macroanalysis“ auch einige Ergebnisse seiner Beispielanalysen, diese sind aber weit weniger bahnbrechend als seine Vorgehensweise. Ich sage das jetzt hier einfach mal ganz frei und offen und im vollen Bewusstsein darüber, dass es ein wenig ketzerisch ist, aber die Erkenntnis, dass alle Romane von Jane Austen in einer Stilanalyse sehr nahe beisammen stehen, überrascht wohl nicht wirklich. Dass Frauen häufig ein Autorencluster bilden und Männer ein zweites ist der Stylometrie auch schon nicht mehr neu. Und dass Amerikaner das Wörtchen ‚the‘ häufiger benutzen als Engländer kann mich irgendwie auch nicht so richtig hinter dem Ofen hervor locken. Da schleicht sich bei mir ganz heimlich, still und leise der Gedanke ein, dass eine Analyse möglichst großer Korpora einfach zu mühsam für so kleine Erkenntnisse ist.

Muss ich denn wirklich über 3000 Romane nach der Verwendung eines einzigen noch nicht einmal signifikanten Wortes untersuchen? Muss ich wirklich so viel Unruhe in mein Korpus bringen, um bestätigen zu können, dass Robert Gailbraith 1. kein Mann und 2. J.K. Rowling ist (ich weiß, ich schweife ab, denn dies ist gar kein Beispiel von Jockers, sondern anderer Stylometriker). Schluss mit den rhetorischen Fragen, ich denke, es wird klar, dass mir das zu wenig ist. Wenn etwas großes betrachtet wird, so soll auch etwas großes herauskommen.

Ist das zu viel verlangt (das ist jetzt keine rhetorische Frage mehr)?

Abschied von den Ausnahmefällen

Je mehr ich mich mit der digitalen Literaturwissenschaft beschäftige, desto klarer wird mir, dass der Fokus von Erkenntnissen sich verschiebt. Klassische Literaturwissenschaftler mögen es, von der Ausnahme her zu denken. Grenzfälle erscheinen uns besonders interessant und wir untersuchen am liebsten, was aus der Masse heraus sticht. Das liegt, wie auch Jockers in seinem Buch betont, natürlich auch an der Methodik. Mit Close Reading kann nunmal keine unendliche Textmasse bearbeitet werden. Mit digitalen Methoden schon. Darum nehmen wir nach vielen Jahren des intensiven Lesens Abstand vom herausragenden und betrachten einmal das, wovon es sich abhebt. So verheißungsvoll das auch ist, im Grunde des Literaturwissenschaftlerherzens ist dies ein Schritt, der mindestens ein weinendes Auge nach sich zieht.

Wer diesen Schritt dennoch wagt, sollte reich belohnt werden. Das ganze Universum der Normliteratur sollte sich auf einen Blick erschließen und ständig sollten neue Erkenntnisse sprudeln, anstatt dass lediglich alte bestätigt oder auch widerlegt werden.

Nun, natürlich übertreibe ich (das fängt schon mit der Annahme an, dass es so etwas wie eine Abwendung von Ausnahmen und eine Hinwendung zu einer wie auch immer normierten Masse gäbe, denn eigentlich ist der Selbstzweck von Literatur ja nach wie vor die Beschäftigung mit dem Anderen). Was ich aber sagen möchte ist, dass die Lektüre von Jockers‘ Macroanalysis den Eindruck erweckt, dass er uns Lesern nicht an der ganzen Wahrheit teilhaben lässt. Mit den dargestellten Beispielanalysen bleibt er, so scheint es, hinter den eigenen Möglichkeiten und denen der gesamten Digital Humanities zurück. Schade ist das, weil es bereits Interessierten wenig Neues erzählt und um Begeisterung bei denen zu wecken, die noch nicht überzeugt sind, ist es nicht sensationell genug.

Weil wir es können – Experimente ohne Erkenntnisinteresse

Abgesehen davon dass es mir ein Herzensanliegen ist, alle noch nicht von DH Überzeugten zu begeistern, hat mich Jockers‘ Buch noch in anderer Hinsicht alarmiert. Seine Absicht, unterschiedliche Beispiele für die Anwendung digitaler Textanalyse aufzuzeigen, legitimiert die Beliebigkeit und mangelnde Tiefe der Einzelanalysen. Bei einem Forschungsprojekt wie z.B. der eigenen Doktorarbeit sollte allerdings nie das Gesamtziel – das Erkentnisinteresse – aus dem Blick geraten. Denn manchmal entsteht bei Jockers der Eindruck, dass einige Textexperimente eher gemacht werden weil man sie machen kann und nicht weil sie nötig sind, um dem Gesamtziel einer Arbeit näher zu kommen. Trial and Error sind im Hintergrund zwar erlaubt, für Leser eines Ergebnisberichts wie einer Forschungsarbeit können sie allerdings sehr schnell ermüdend werden.

Insgesamt hat die Lektüre von Jockers Buch mir also einige Hochs und mindestens ebenso viele Tiefs in Sachen Begeisterung beschert, mich aber trotzdem zum Nachdenken angeregt. Für DH Interessierte, die sich noch nie mit statistischer Stilanalyse und Textmining beschäftigt haben, kann ich „Macroanalysis“ durchaus empfehlen – wenn vielleicht auch nicht unbedingt als eines von zwei Büchern, die digitale Literaturwissenschaft abhandeln – dafür macht diese Lektüre einfach zu wenig Lust auf mehr.

Macroanalysis: Digital Methods and Literary History by Matthew L. Jockers. Copyright 2013 by the Board of Trustees of the University of Illinois.
ISBN: 978-0-252-09476-7. Ebook 14,99€.

 

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