Der Zauber des Vergessens

Manchmal gibt es Themen, die auf einmal von allen Seiten auf einen zukommen, obwohl sie einem zuvor noch nie Kopfzerbrechen bereitet haben. Eines dieser Themen ist für mich im Moment das Vergessen. Schon bevor der europäische Gerichtshof gegenüber Google durchgesetzte, dass man das Recht darauf hat, vergessen zu werden, habe ich mich im Rahmen meiner Arbeit für das Datenbankprojekt efoto-hamburg, gefragt, welchen Stellenwert das Vergessen eigentlich hat und haben sollte. Schließlich kam das Thema dann auch bei einer Diskussion unter Kollegen des DARIAH Projektes kurz auf. Ohne dass sich mir ganz erschließt wieso, scheint das Vergessen oder eben auch sein Gegenteil, ein stark emotional besetztes Phänomen zu sein. Grund genug, einmal genauer darüber nachzudenken.

Vergessen
Was erinnert die Welt eigentlich von mir? Schnell mal self-googling betreiben und du wirst es erfahren.

Manchmal gibt es Themen, die auf einmal von allen Seiten auf einen zukommen, obwohl sie einem zuvor noch nie Kopfzerbrechen bereitet haben. Eines dieser Themen ist für mich im Moment das Vergessen. Schon bevor der europäische Gerichtshof gegenüber Google durchgesetzte, dass man das Recht darauf hat, vergessen zu werden, habe ich mich im Rahmen meiner Arbeit für das Datenbankprojekt efoto-hamburg, gefragt, welchen Stellenwert das Vergessen eigentlich hat und haben sollte. Schließlich kam das Thema dann auch bei einer Diskussion unter Kollegen des DARIAH Projektes kurz auf. Ohne dass sich mir ganz erschließt wieso, scheint das Vergessen oder eben auch sein Gegenteil, ein stark emotional besetztes Phänomen zu sein. Grund genug, einmal genauer darüber nachzudenken.

Wo gehauen wird, haut man eben auch daneben

Dieses semi-ironische Bonmot sprang mich aus der Lektüre von José Saramagos „Der Doppelgänger“ an, denn unweigerlich musste ich an den gerade so präsenten Fall des europäischen Gerichtshofs gegen Google denken. Der ist ja im Grunde die Antwort auf das vielgemurmelte „das Internet vergisst nie“, das Schüler sich von Eltern anhören müssen, wenn sie auf Facebook unterwegs sind, das Blogger von Bekannten hören, das jedem, der in der Virtual Reality allzu privat wird von irgendwo zugeraunt wird. Damit ist jetzt Schluss, denn wir haben ein Recht darauf, dass alte Zeitungsmeldungen über Fehltritte vergessen werden. Vergessen werden, das heißt in diesem Falle, bei Google im Ranking nicht mehr aufzutauchen. Lassen wir es einmal dahin gestellt, ob dieses Recht auf Vergessen, wenn man einmal, mit Saramago gesprochen, „daneben gehauen“ haben sollte,  so universal ist, dass man es auch in anderen Zusammenhängen einklagen könnte – bei alten Familienfehden z.B. oder auch gegenüber Verflossenen…

Vergessen im digitalen Zeitalter

Wichtiger ist ja aber, dass das Internet jetzt das Vergessen erst einmal erlernen muss, denn was bei Google nicht mehr im Ranking erscheint, ist zwar nicht mehr gut sichtbar, unsichtbar ist es aber auch nicht. Nur weil der leichteste Zugang abgebrochen wird, heißt das noch nicht, dass sämtliche möglichen Archive die Information löschen. Und so kommen wir zu wieder neuen Gedanken über das Vergessen und zwar über die Funktion des Vergessens im Archivwesen. Archive sind ja im Allgemeinen für das Erinnern bekannt. Aber wie ich jetzt gelernt habe, sind Archivare viel mehr als die Hüter des kulturellen Erbes, sie sind auch die Hüter des Vergessens. Oder weniger metaphorisch und etwas plakativer ausgedrückt, sie sind diejenigen, die entscheiden, was Kultur ist und was weg kann. Denn nicht alles ist überhaupt archivwürdig und sollte erinnert werden.

Vergessen als Teil von Kultur

Unabhängig von Google oder professioneller Erinnerungsarbeit sehe ich das Vergessen gerne im Luhmann’schen Sinne als Kulturtechnik. Es kann nicht alles erinnert werden und Themen, über die nicht gesprochen werden, sind irgendwann nicht mehr relevant für einen Kulturkreis. Da sie nicht mehr aufgegriffen werden, prägen sie die Kultur auch nicht. Das Vergessene oder anderweitig ungenutzt Bleibende ist dann gewissermaßen der Negativrahmen einer Kultur.

Mit Foucault könnte man dieses Bild ganz leicht auf die Diskurstheorie übertragen und argumentieren, dass all das am Leben erhalten wird, über das gesprochen oder auch nur nachgedacht wird. Foucault liefert – das ist das Schöne an ihm – dann auch gleich eine Gegenströmung zum alles überragenden Diskurs – die Literatur. Hier ist Platz für das Andere, die Themen über die niemand spricht oder sprechen mag. Hier kann das Unaussprechliche stattfinden. Mit diesem Foucault’schen Hintergrund fällt es mir nun auch leicht, mich auf den Weg in Richtung Gegenposition zu machen. Denn Natürlich hat auch das Vergessen, das gerade als neuer Rechtsanspruch begrüßt wird, seine Schattenseiten.

Vergessen und Digital Humanities

In den Digital Humanities ist zum Beispiel – so konnte ich gerade feststellen – das Vergessen nicht so gerne gesehen. Dort hat man gerade die unendlichen Weiten der digitalen Speichermöglichkeiten entdeckt, in denen Forschungsdaten so abgelegt werden können, dass man sie auch später noch bequem aufrufen kann. Wie lang diese Speicherung dauern kann, weiß man nicht genau, aber dass sie möglichst lange anhalten sollte, darüber ist man sich einig.

Meine oben kurz dargelegte Faszination gegenüber dem Vergessen stieß hier auf große Skepsis, wenn nicht gar Vorsicht. Denn wie soll denn in der besten aller Welten darüber entschieden werden, was vergessen werden sollte? Die gängige Praxis ist ja, dass Autoritäten entscheiden, was archiviert und somit erinnert werden soll. Diese Autoritäten sind professionelle Archivare oder Kuratoren in Museen. Ich liebäugelte allerdings mehr mit einem demokratischeren Prozess des Vergessens. Das, worüber gesprochen wird, wird auch erinnert werden und bleibt somit am Leben, das, worüber niemand spricht, ist des Erinnerns nicht wert. Doch zu Recht bekomme ich hier natürlich Einspruch von wissenschaftlicher Seite. Zwar kann eine solch diskurstheoretisch geleitete Meinung durchaus das wiedergeben, was in der Praxis des Kulturprozesses geschieht, es bleibt aber die Frage, ob das auch genauso passieren sollte. Wäre das nicht wieder ein Schritt Richtung Googleisierung; eine Zustimmung zur Höherbewertung dessen, was das Masseninteresse am häufigsten weckt?

Das Selbstverständnis eines Digital Humanist

So sind wir – ohne genau sagen zu können, wie das passieren konnte – beim Selbstverständnis der Wissenschaft angelangt. Oder vielleicht eher bei der Frage, wie man sich selbst als Wissenschaftler wahrnimmt und wahrnehmen möchte. Die Aufgabe der Universitäten ist es doch, Dinge zu Tage zu befördern, die zum Erkenntnisprozess beitragen. Dabei soll möglichst gar nichts vergessen und alles mit einbezogen werden. Da darf nichts so einfach weggeschmissen werden, denn schließlich ist uns allen der Butterfly-Effect überdeutlich bewusst, der beweist, dass eine winzig kleine Ursache das weltbewegende Phänomen los getreten haben könnte, dass man gerade untersucht. Das Vergessen einer kleinen Detailprüfung könnte also wiederum der Auslöser dafür sein, dass eine Schlussfolgerungskette genauerer Prüfung nicht standhält und die Arbeit von Jahren obsolet werden lässt.

Ich muss also meine allzu hastige Verführung durch die Idee des Vergessens revidieren. Während Kultur vergessen darf, während Diskurse ersterben dürfen, während Google wahrscheinlich bald unzählige Suchergebnisse in den virtuellen Mülleimer werfen muss, ist es die Aufgabe der Forschung, Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ursachen sollen wieder in die Wirkungszusammenhänge gestellt werden, in die sie gehören. Denn nur so werden multiple, komplexe Zusammenhänge sichtbar. Ein Ziel, das in meinen Augen durch die Digital Humanities leichter zu erreichen ist als durch herkömmliche Forschungsmethoden, denn hier geht Erinnern auch immer gleich Hand in Hand mit dem Zugänglichmachen. Das ist zumindest das angestrebte Ideal im Selbstverständnis des Forschungsfeldes – ein Ideal zu dem ich auch selbst gerne beitragen möchte.

Wo gehauen wird, haut man eben auch daneben

Dieses semi-ironische Bonmot sprang mich aus der Lektüre von José Saramagos „Der Doppelgänger“ an, denn unweigerlich musste ich an den gerade so präsenten Fall des europäischen Gerichtshofs gegen Google denken. Der ist ja im Grunde die Antwort auf das vielgemurmelte „das Internet vergisst nie“, das Schüler sich von Eltern anhören müssen, wenn sie auf Facebook unterwegs sind, das Blogger von Bekannten hören, das jedem, der in der Virtual Reality allzu privat wird von irgendwo zugeraunt wird. Damit ist jetzt Schluss, denn wir haben ein Recht darauf, dass alte Zeitungsmeldungen über Fehltritte vergessen werden. Vergessen werden, das heißt in diesem Falle, bei Google im Ranking nicht mehr aufzutauchen. Lassen wir es einmal dahin gestellt, ob dieses Recht auf Vergessen, wenn man einmal, mit Saramago gesprochen, „daneben gehauen“ haben sollte,  so universal ist, dass man es auch in anderen Zusammenhängen einklagen könnte – bei alten Familienfehden z.B. oder auch gegenüber Verflossenen…

Vergessen im digitalen Zeitalter

Wichtiger ist ja aber, dass das Internet jetzt das Vergessen erst einmal erlernen muss, denn was bei Google nicht mehr im Ranking erscheint, ist zwar nicht mehr gut sichtbar, unsichtbar ist es aber auch nicht. Nur weil der leichteste Zugang abgebrochen wird, heißt das noch nicht, dass sämtliche möglichen Archive die Information löschen. Und so kommen wir zu wieder neuen Gedanken über das Vergessen und zwar über die Funktion des Vergessens im Archivwesen. Archive sind ja im Allgemeinen für das Erinnern bekannt. Aber wie ich jetzt gelernt habe, sind Archivare viel mehr als die Hüter des kulturellen Erbes, sie sind auch die Hüter des Vergessens. Oder weniger metaphorisch und etwas plakativer ausgedrückt, sie sind diejenigen, die entscheiden, was Kultur ist und was weg kann. Denn nicht alles ist überhaupt archivwürdig und sollte erinnert werden.

Vergessen als Teil von Kultur

Unabhängig von Google oder professioneller Erinnerungsarbeit sehe ich das Vergessen gerne im Luhmann’schen Sinne als Kulturtechnik. Es kann nicht alles erinnert werden und Themen, über die nicht gesprochen werden, sind irgendwann nicht mehr relevant für einen Kulturkreis. Da sie nicht mehr aufgegriffen werden, prägen sie die Kultur auch nicht. Das Vergessene oder anderweitig ungenutzt Bleibende ist dann gewissermaßen der Negativrahmen einer Kultur.

Mit Foucault könnte man dieses Bild ganz leicht auf die Diskurstheorie übertragen und argumentieren, dass all das am Leben erhalten wird, über das gesprochen oder auch nur nachgedacht wird. Foucault liefert – das ist das Schöne an ihm – dann auch gleich eine Gegenströmung zum alles überragenden Diskurs – die Literatur. Hier ist Platz für das Andere, die Themen über die niemand spricht oder sprechen mag. Hier kann das Unaussprechliche stattfinden. Mit diesem Foucault’schen Hintergrund fällt es mir nun auch leicht, mich auf den Weg in Richtung Gegenposition zu machen. Denn Natürlich hat auch das Vergessen, das gerade als neuer Rechtsanspruch begrüßt wird, seine Schattenseiten.

Vergessen und Digital Humanities

In den Digital Humanities ist zum Beispiel – so konnte ich gerade feststellen – das Vergessen nicht so gerne gesehen. Dort hat man gerade die unendlichen Weiten der digitalen Speichermöglichkeiten entdeckt, in denen Forschungsdaten so abgelegt werden können, dass man sie auch später noch bequem aufrufen kann. Wie lang diese Speicherung dauern kann, weiß man nicht genau, aber dass sie möglichst lange anhalten sollte, darüber ist man sich einig.

Meine oben kurz dargelegte Faszination gegenüber dem Vergessen stieß hier auf große Skepsis, wenn nicht gar Vorsicht. Denn wie soll denn in der besten aller Welten darüber entschieden werden, was vergessen werden sollte? Die gängige Praxis ist ja, dass Autoritäten entscheiden, was archiviert und somit erinnert werden soll. Diese Autoritäten sind professionelle Archivare oder Kuratoren in Museen. Ich liebäugelte allerdings mehr mit einem demokratischeren Prozess des Vergessens. Das, worüber gesprochen wird, wird auch erinnert werden und bleibt somit am Leben, das, worüber niemand spricht, ist des Erinnerns nicht wert. Doch zu Recht bekomme ich hier natürlich Einspruch von wissenschaftlicher Seite. Zwar kann eine solch diskurstheoretisch geleitete Meinung durchaus das wiedergeben, was in der Praxis des Kulturprozesses geschieht, es bleibt aber die Frage, ob das auch genauso passieren sollte. Wäre das nicht wieder ein Schritt Richtung Googleisierung; eine Zustimmung zur Höherbewertung dessen, was das Masseninteresse am häufigsten weckt?

Das Selbstverständnis eines Digital Humanist

So sind wir – ohne genau sagen zu können, wie das passieren konnte – beim Selbstverständnis der Wissenschaft angelangt. Oder vielleicht eher bei der Frage, wie man sich selbst als Wissenschaftler wahrnimmt und wahrnehmen möchte. Die Aufgabe der Universitäten ist es doch, Dinge zu Tage zu befördern, die zum Erkenntnisprozess beitragen. Dabei soll möglichst gar nichts vergessen und alles mit einbezogen werden. Da darf nichts so einfach weggeschmissen werden, denn schließlich ist uns allen der Butterfly-Effect überdeutlich bewusst, der beweist, dass eine winzig kleine Ursache das weltbewegende Phänomen los getreten haben könnte, dass man gerade untersucht. Das Vergessen einer kleinen Detailprüfung könnte also wiederum der Auslöser dafür sein, dass eine Schlussfolgerungskette genauerer Prüfung nicht standhält und die Arbeit von Jahren obsolet werden lässt.

Ich muss also meine allzu hastige Verführung durch die Idee des Vergessens revidieren. Während Kultur vergessen darf, während Diskurse ersterben dürfen, während Google wahrscheinlich bald unzählige Suchergebnisse in den virtuellen Mülleimer werfen muss, ist es die Aufgabe der Forschung, Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ursachen sollen wieder in die Wirkungszusammenhänge gestellt werden, in die sie gehören. Denn nur so werden multiple, komplexe Zusammenhänge sichtbar. Ein Ziel, das in meinen Augen durch die Digital Humanities leichter zu erreichen ist als durch herkömmliche Forschungsmethoden, denn hier geht Erinnern auch immer gleich Hand in Hand mit dem Zugänglichmachen. Das ist zumindest das angestrebte Ideal im Selbstverständnis des Forschungsfeldes – ein Ideal zu dem ich auch selbst gerne beitragen möchte.

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